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Religiöse Situation der Gründungszeit |
Durch
die strengen Sitten des Sippengesetzes war es dem einzelnen Germanen nicht
möglich, sich taufen zu lassen und sich zum Christentum zu bekehren. Die
Entscheidung, dem neuen Glauben beizutreten, fällte allein der Sippenälteste.
Trat er dem Christentum bei, trat ihm die ganze Sippe bei. Hatte er einem
Gefolgsmann die Treue geschworen, so mußte er auch dann das Christentum
annehmen, wenn sein "druthin", sein Gefolgschaftsführer das
Christentum annahm. Weil aber die Führer einen Treueeid auf einen ihrer
germanischen Götter geleistet hatten, war eine neue Entscheidung nur in
besonderen Krisensituationen möglich. Denn einen geleisteten Treueeid zu
brechen, war unter den Germanen eine große Schandtat. Wenn es zu einem
Treuebruch mit den alten Göttern gekommen ist, dann deshalb, weil sie
gegenüber Christus zu schwach waren. Denn nur dem stärksten, der zum
Siege führt, wird eine Treueeid geleistet. Also nicht aus Überzeugung
wurden die meisten Germanen Christen, sondern durch den formalen Akt des
Treueeids, den sie ihrem Führer leisteten. Deshalb wird auch nicht von
einer Germanenmission, sondern von der Christianisierung der Germanen
gesprochen. Aus
dem Treueeid-Schwur hat sich allerdings ein Brauch bis in unsere Tage
erhalten. Wer einen Treueeid schwur, kniete sich vor seinem Führer
nieder, stellte sein Schwert aufrecht, mit der Spitze nach unten zeigend
vor sich hin und faltete über dem Knauf seine Hände. In dieser Haltung
leisteten sie auch den Treueeid auf Christus bei der Taufe. Daraus hat
sich unsere heutige Gebetshaltung entwickelt: zunächst beim Niederknien
die Hände falten, heute stehen wir beim Gebet, haben aber immer noch nach
altem germanischen Brauch die Hände gefaltet. Ein
anderer Brauch scheint sich aus dem germanischen Enzheim in unsere heutige
Zeit gerettet zu haben. Im Frühjahr zogen die Germanen zu bestimmten Plätzen
in den Wald, um der Frühlingsgöttin Ostera Eier zu opfern. Auch wenn der
Sinn verloren gegangen ist, so ziehen doch noch heute viele Enzheimer und
Lindheimer Familien am 1. Mai zum Eierbacken auf den Enzheimer Kopf. Dass
sich ein heidnischer Brauch über tausend Jahre gerade hier in Enzheim
halten konnte, liegt wohl daran, weil im Ort nie ein Pfarrer residierte.
Dadurch konnten Bräuche unkontrollierter ausgeübt werden. Wenn
unter Chlodwig und in der Folgezeit bis 626 die fränkischen
Adelsgeschlechter nach und nach christianisiert wurden, ist anzunehmen, daß
auch auf dem Glauberg eine Kirche gestanden hat. Doch dürfte sie keine
besonders große Rolle gespielt haben, weil das meerowingische Reich in
eine Krise geriet, was auch den Einfluß auf die religiösen Sitten und
Gebräuche der Kirche schwächte. Erst
mit der Reorganisation der fränkischen Kirche durch die iro-schottischen
Mönche zu Beginn der Carolinger-Zeit dürfte der kirchliche Einfluss
wieder stärker geworden sein. Um 750 wirkte in dieser Gegend der heilige
Kilian, nach dem Kilianstädten genannt ist. Und in der ältesten Urkunde
Enzheims ist es ein Priester namens Otcher, der 773 dem Gau Wetterau in
der Enzheimer Gemarkung zehn Morgen Land und eine Hofreite per Schenkung
überträgt. Daraus lässt sich vermuten, daß in Enzheim schon zu so früher
Zeit eine Kirche habe stehen können, die jener besagte Priester Otcher
betreute. Ob jene Kirche schon an derselben Stelle wie die heutige stand,
lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Es könnte auch eine Hauskapelle
der Burg oder eines herrschaftlichen Hofgutes gewesen sein. Der
kirchlichen Praxis, Geschenke von Gläubigen zu deren ewigen Seelenheil
anzunehmen, verdanken wir es, daß Enzheim im Kloster Lorsch zum ersten
Mal urkundlich erwähnt wird. Weitere Schenkungen von Ländereien in den
Jahren 788 und 792 an das Kloster Lorsch folgten. Mit
Beginn der carolingischen Zeit wird Rodenbach zum kirchlichen Mittelpunkt
in unserer Gegend. Demandt verweist darauf, daß zum Neubau der Kirche
1752-1757 Pulver gekauft wurde, um den Stein im Fundament der alten Kirche
zu sprengen. Daraus schließt er, daß es sich bei diesem Stein um einen
Menhir gehandelt habe. In der Wetterau sei er oft als jungsteinzeitliches
Kultmal bezeugt und in hessischen Kirchen in den Bau mit einbezogen
worden. Eine so uralte Kultstätte könne erklären, wieso Rodenbach zum
kirchlichen Mittelpunkt unserer Gegend geworden ist. Im 9. Jahrhundert
entstand dort sogar ein kleines Kloster. Somit lag in Rodenbach die
Mutterkirche für Heegheim, Altenstadt, Lindheim, Höchst an der Nidder.
Auch Enzheim schien unter der kirchlichen Verwaltung Rodenbachs gestanden
zu haben, denn in der Chronik der Rodenbacher Pfarrei schreibt der
Chronist 1862, daß erst kürzlich die Zahlung des Zehnten an den
Rodenbacher Geistlichen durch Enzheim abgelöst worden sei; dies ist
sicher im Zuge der Auswanderung Enzheimer Einwohner nach Amerika
geschehen. Auch hat die Pfarrei Rodenbach Ländereien in der Gemarkung
Enzheim besessen, was auf eine ehemals enge Bindung hinweist. Die
kirchliche Vormachtstellung Rodenbachs erlosch nach der Gründung von
Kloster Engelthal im Jahr 1268 durch die Brüder Konrad, Ruprecht und
Herdegen von Büches und dem Burggrafen Ruprecht von Karben. Etwa ein
halbes Jahrhundert später wurde die Rodenbacher Kirche in das Kloster
Engelthal einbezogen. |