Religiöse Situation der Gründungszeit
Die Entstehung Enzheims im 6. Jahrhundert durch die Franken fällt zeitlich fast mit Läern Wirken Chlodwigs zusammen. Ihm gelang es, die fränkischen Stämme unter einem Großreich zu einen. Gleichzeitig setzte er mit seiner Taufe 498 einen Wendepunkt in der Geschichte: Er band die Völker Europas an die römisch-katholische Kirche. Während seiner vielen Feldzüge war es die katholische Kirche, die ihre Ordnungen und Strukturen durch die Wirren dieser Zeit hatte aufrecht erhalten können. Chlodwig als christlicher König konnte nun diese Strukturen nutzen; er brauchte keine eigene Verwaltungen aufzubauen. Dies galt ganz bestimmt für das ehemalige Gallien und die Rheinlande. Was aber geschah am Rande des neu entstandenen Großreiches?   Die fränkischen Herren auf dem Glauberg brauchten unter Chlodwig noch nicht dem Christentum beizutreten; doch wurden am Hofe Christen bevorzugt. Schließlich kam es zum Verbot die heidnischen Kulte öffentlich und privat auszuüben, und Dagobert 1. erließ 626 einen klaren Taufzwang. Somit dürfte in Enzheim gleichzeitig mit der fränkischen Besiedlung auch die Chirstianisierung begonnen haben. Bei geplanten Neusiedlungen unter christlichen Siedlern steht die Kirche in der Mitte des Dorfes, um die Kirche gruppieren sich die Häuser. War aber die Dorfstruktur schon abgeschlossen, bevor die Christianisierung einsetzte, wurde die Kirche an den Rand des Dorfes gebaut, wie es in unserer Gegend in Altenstadt oder Ober-Mockstadt der Fall ist (vgl. Demandt "Der Altenstädter Raum, S. 32). Auch die Enzheimer Kirche liegt nicht an zentraler Stelle, und sie dürfte demnach nach Abschluß der Dorfanlage entstanden sein. Ob die heutige Kirche der Erstbau an dieser Stelle ist, oder ob an gleicher Stelle ein älterer Sakralbau gestanden hat, entzieht sich unserer Kenntnis.  

Das Wappen von Eppstein an der Südwestecke der Enzheimer Kirche

Das Wappen von Hanau an der Südwestecke der Enzheimer Kirche

 Aus Flurnamen dürfte zu schließen sein, daß noch heilige Stätten der Germanen in der Besiedlungszeit genutzt wurden. So weist Hofmann in den "Heimatblätter" (2/6 1940) auf die Flurbezeichnungen "der Teufelsgraben", "der heilige Berg" und "Wilmental" hin. Im Volksmund werde das "Wilmental" noch Ilbenthal" genannt, was auf einen Aufenthaltsort germanischer Geisterwesen, der Elben (Elfen) hinweise. Da das Land in jenen Gewannen der Kirche zinsbar war, darf anzunehmen sein, daß es einmal Allgemeingut war, was die Kirche wie einen rechtmäßige Nachfolgerin verwaltete.

 Überhaupt hat die Kirche an den germanischen Heiligtümer ihre Gotteshäuser und Kapellen gebaut. Deshalb ist die Stätte auch nach der Christianisierung heilig geblieben. Auch wurden die kirchlichen Feiertage auf die heidnisch-germanischen Festtage gelegt und deren Inhalt mit christlichem Gut gefüllt. Auf diese Weise konnten die christianisierten Germanen nicht eine doppelte Religionspraxis ausüben; denn die entscheidenden Festtage waren nun christliche Festtage wie Ostern, Weihnachten, Pfingsten und später auch Himmelfahrt.  

 

 

Durch die strengen Sitten des Sippengesetzes war es dem einzelnen Germanen nicht möglich, sich taufen zu lassen und sich zum Christentum zu bekehren. Die Entscheidung, dem neuen Glauben beizutreten, fällte allein der Sippenälteste. Trat er dem Christentum bei, trat ihm die ganze Sippe bei. Hatte er einem Gefolgsmann die Treue geschworen, so mußte er auch dann das Christentum annehmen, wenn sein "druthin", sein Gefolgschaftsführer das Christentum annahm. Weil aber die Führer einen Treueeid auf einen ihrer germanischen Götter geleistet hatten, war eine neue Entscheidung nur in besonderen Krisensituationen möglich. Denn einen geleisteten Treueeid zu brechen, war unter den Germanen eine große Schandtat. Wenn es zu einem Treuebruch mit den alten Göttern gekommen ist, dann deshalb, weil sie gegenüber Christus zu schwach waren. Denn nur dem stärksten, der zum Siege führt, wird eine Treueeid geleistet. Also nicht aus Überzeugung wurden die meisten Germanen Christen, sondern durch den formalen Akt des Treueeids, den sie ihrem Führer leisteten. Deshalb wird auch nicht von einer Germanenmission, sondern von der Christianisierung der Germanen gesprochen.  

Aus dem Treueeid-Schwur hat sich allerdings ein Brauch bis in unsere Tage erhalten. Wer einen Treueeid schwur, kniete sich vor seinem Führer nieder, stellte sein Schwert aufrecht, mit der Spitze nach unten zeigend vor sich hin und faltete über dem Knauf seine Hände. In dieser Haltung leisteten sie auch den Treueeid auf Christus bei der Taufe. Daraus hat sich unsere heutige Gebetshaltung entwickelt: zunächst beim Niederknien die Hände falten, heute stehen wir beim Gebet, haben aber immer noch nach altem germanischen Brauch die Hände gefaltet.  

Ein anderer Brauch scheint sich aus dem germanischen Enzheim in unsere heutige Zeit gerettet zu haben. Im Frühjahr zogen die Germanen zu bestimmten Plätzen in den Wald, um der Frühlingsgöttin Ostera Eier zu opfern. Auch wenn der Sinn verloren gegangen ist, so ziehen doch noch heute viele Enzheimer und Lindheimer Familien am 1. Mai zum Eierbacken auf den Enzheimer Kopf. Dass sich ein heidnischer Brauch über tausend Jahre gerade hier in Enzheim halten konnte, liegt wohl daran, weil im Ort nie ein Pfarrer residierte. Dadurch konnten Bräuche unkontrollierter ausgeübt werden.

Wenn unter Chlodwig und in der Folgezeit bis 626 die fränkischen Adelsgeschlechter nach und nach christianisiert wurden, ist anzunehmen, daß auch auf dem Glauberg eine Kirche gestanden hat. Doch dürfte sie keine besonders große Rolle gespielt haben, weil das meerowingische Reich in eine Krise geriet, was auch den Einfluß auf die religiösen Sitten und Gebräuche der Kirche schwächte.  

Erst mit der Reorganisation der fränkischen Kirche durch die iro-schottischen Mönche zu Beginn der Carolinger-Zeit dürfte der kirchliche Einfluss wieder stärker geworden sein. Um 750 wirkte in dieser Gegend der heilige Kilian, nach dem Kilianstädten genannt ist. Und in der ältesten Urkunde Enzheims ist es ein Priester namens Otcher, der 773 dem Gau Wetterau in der Enzheimer Gemarkung zehn Morgen Land und eine Hofreite per Schenkung überträgt. Daraus lässt sich vermuten, daß in Enzheim schon zu so früher Zeit eine Kirche habe stehen können, die jener besagte Priester Otcher betreute. Ob jene Kirche schon an derselben Stelle wie die heutige stand, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Es könnte auch eine Hauskapelle der Burg oder eines herrschaftlichen Hofgutes gewesen sein.

 Der kirchlichen Praxis, Geschenke von Gläubigen zu deren ewigen Seelenheil anzunehmen, verdanken wir es, daß Enzheim im Kloster Lorsch zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird. Weitere Schenkungen von Ländereien in den Jahren 788 und 792 an das Kloster Lorsch folgten.

 Mit Beginn der carolingischen Zeit wird Rodenbach zum kirchlichen Mittelpunkt in unserer Gegend. Demandt verweist darauf, daß zum Neubau der Kirche 1752-1757 Pulver gekauft wurde, um den Stein im Fundament der alten Kirche zu sprengen. Daraus schließt er, daß es sich bei diesem Stein um einen Menhir gehandelt habe. In der Wetterau sei er oft als jungsteinzeitliches Kultmal bezeugt und in hessischen Kirchen in den Bau mit einbezogen worden. Eine so uralte Kultstätte könne erklären, wieso Rodenbach zum kirchlichen Mittelpunkt unserer Gegend geworden ist. Im 9. Jahrhundert entstand dort sogar ein kleines Kloster. Somit lag in Rodenbach die Mutterkirche für Heegheim, Altenstadt, Lindheim, Höchst an der Nidder. Auch Enzheim schien unter der kirchlichen Verwaltung Rodenbachs gestanden zu haben, denn in der Chronik der Rodenbacher Pfarrei schreibt der Chronist 1862, daß erst kürzlich die Zahlung des Zehnten an den Rodenbacher Geistlichen durch Enzheim abgelöst worden sei; dies ist sicher im Zuge der Auswanderung Enzheimer Einwohner nach Amerika geschehen. Auch hat die Pfarrei Rodenbach Ländereien in der Gemarkung Enzheim besessen, was auf eine ehemals enge Bindung hinweist.

 Die kirchliche Vormachtstellung Rodenbachs erlosch nach der Gründung von Kloster Engelthal im Jahr 1268 durch die Brüder Konrad, Ruprecht und Herdegen von Büches und dem Burggrafen Ruprecht von Karben. Etwa ein halbes Jahrhundert später wurde die Rodenbacher Kirche in das Kloster Engelthal einbezogen.

 In jenem Jahrhundert lösten sich die Kirchen der einzelnen Orte von ihrer Mutterkirche Rodenbach. Auch in Enzheim wurde jetzt eine eigene Kirche gebaut. Eine genaue Datierung liegt nicht vor. Aber weil an der Südwestecke der Kirche das eppensteinische Wappen zu sehen ist, darf geschlossen werden, daß sie zwischen den Jahren 1304 und 1476 erstellt wurde. Karl Hofmann beschreibt in "Heimatblätter" (3/8 1940), daß das Mauerwerk der Enzheimer Kirche aus Lesesteinen errichtet worden sei. "Nur die Ecksteine bestehen aus bildsamen Sandstein. Sie tragen auch den einzigen Schmuck, den romanischen Taufries." Aus den nun folgenden Jahrhunderten bis zur Reformationszeit ist uns über die Kirche in Enzheim nur sehr wenig bekannt. Erst während der Reformationszeit geschehen wieder nachhaltige Veränderungen.