Das Schulwesen
In Enzheim waren nicht nur vor, sondern auch nach der Reformation sogenannte "caiididatus ministerii" im Schuldienste tätig. Die überwiegende Zahl der Lehrer gehörte, wie Prälat Diehl nachgewiesen hat, in früheren Jahren, besonders von 1500 bis um 1800, dem geistlichen Stande an und hatten studiert. Sie standen unter Aufsicht des Ortspfarrers, und wenn sie sich nach mehrjähriger Tätigkeit im Schuldienste bewährt hatten, traten sie in den Pfarrdienst ein. Der letzte dieser candidatus ministerii, was soviel bedeutet wie ein Bewerber um ein geistliches Dieneramt, war in Enzheim der am 24. Juli 1747 nach Rimbach versetzte Johann Ernst Kehr. Er versah in Enzheim den Gottesdienst.

 Nach seinem Weggang bezweifelte die hanauische Regierung in einem Schreiben an Amtmann Langermann in Ortenberg, wieder einen Kandidaten nach Enzheim zu bekommen, da die Besoldung schlecht sei. Der Amtmann antwortet: "Für die freigewordene Enzheimer Schulstelle ließe sich höchstens ein cand minist. dazu gebrauchen, in der Hoffnung, hiernächst desto eher zu einer Pfarrbedienung zu gelangen. Ich halte dafür, fährt er fort, daß die Predigten zu Enzheim vom Herrn Pfarrer zu Lindheim versehen und durch einen "teutschen" Schulmeister, zu der Zeit da Herr Pfarrer die Predigt nicht hält, eine Predigt der Gemeinde vorgelesen werde, wozu dann der jetzige Schulmeister Schmidt zu Hecken Bergheim sich wohl schicken möchte". (Man nannte die nichtlateinkundigen Lehrkräfte die "deutschen" Schulmeister). Genannter Schmidt wirkte von 1747 bis zu seinem Ableben 1760 in Enzheim.

 Um die freigewordene Schulstelle bewarb sich Johann Emmrich aus Bleichenbach. Bei seiner Prüfung, der er sich unterziehen mußte, wurde festgestellt, daß er eine schöne Stimme habe und im Singen wohl geübt sei. Emmrich erteilte Unterricht in seinem eignen Hause, der heutigen Wirtschaft Schuhmacher. Das zweistöckige Schulhaus nebst Wirtschaftsgebäuden wurde wegen Baufälligkeit um 1790 abgebrochen. Es stand an der stelle des heutigen Friedhofes. Ein über 1/2 Morgen Gartenland schloß sich unmittelbar an. Der heute noch an dieser Stelle vorbeiführende Fußweg erinnert uns an das einstige Schulgebäude, indem er die Bezeichnung "Schulweg" führt. Schulmeister Emmrich regte 1782 bei der Regierung an, da er krank sei, und sein Sohn ihm hilfreiche Dienste leiste, daß er nach seinem Tode sogleich die Schulstelle antreten könne.

 Der junge Emmrich wurde denn auch auf den 30. April 1782 nach Hanau zum Examen beschieden. Am 21. Mai genannten Jahres bestand er die Prüfung, so daß ihm die nachgesuchte Adjunktur (Amtsgehilfenstelle) bei der Schule Enzheim übertragen werden konnte. Die Prüfung im Choralsingen allerdings ergab, daß er eben hierin noch nicht soviel Fähigkeit besaß, als zu einem solchen Schuldienst erfordert werde. "Er ist entschlossen", heißt es in dem Prüfungsprotokoll, "und will nach Hause gehen und sich bei seinem Vater ferner lehren und unterweisen lassen, damit er in den Zustand gesetzt werde, dem Schuldienste vorzustehen." Da der Vater jahrelang an einer unheilbaren Krankheit litt, versah der Sohn als Gehilfe von 1783 bis 1790 die Schulstelle. In diesem Jahre starb der Vater, und der Sohn erteilte den Unterricht ebenfalls im Elternhause. Der junge Emmrich war leider der Trunksucht verfallen. Er starb am 7. August 1816 im Alter von 55 Jahren. Da die Schullehrer-Witwen- und Waisenkasse erst 1819 errichtet wurde, konnte die Witwe keine Rente beziehen.

 Wegen der Neubesetzung der Schulstelle berichtete Inspektor Bertuch zu Gedern an den Kirchen- und Schulrat zu Gießen, daß ein junger Mensch, der die Büdinger Schule (das heutige Gymnasium) besucht habe, gegenwärtig die Vikariatsgeschäfte versehe. Da die Schulbesoldung sehr gering sei, so würde es sehr verträglich für Enzheim sein, wenn diesem Manne die Schulstelle übertragen werden könnte.

 Der Kirchen- und Schulrat zu Gießen befürwortete die Anstellung Kochs mit folgender Begründung: Dieser Bewerber sei in jeder Beziehung für diese Stelle passend, da noch nicht einmal eine Schulwohnung vorhanden und die Besoldung nur 82 Gulden 45 Kreuzer ausmachte. Mithin könne ein Fremder auf dieser Stelle ohne drückende Nahrungsorgen nicht leben. Koch habe ein eignes Haus, in dem er Schule halten könne. Er habe einiges Vermögen, das ihm neben dem geringen Gehalt als Einkommen dienen könne. Er sei der einzige Sohn seiner Eltern, mithin auch vom Militärdienst befreit.

 Koch trat die Stelle an. Doch traten zwischen ihm und der Gemeinde aus verschiedenen Gründen, besonders aber wegen der Schulhausfrage, ein gespanntes Verhältnis ein. Koch hatte entgegen seines Versprechens bei der Behörde auf die Erbauung eines Schulhauses gedrängt. Die Witwe des Schulmeisters Emmrich wollte den Trubel der Schulkinder in ihrem Hause nicht mehr dulden und kündigte das Schullokal. Koch mußte notgedrungen den Unterricht in seinem eignen Hause erteilen, was seine Eltern nicht gerne sahen. Aus diesem Grunde ist sein Drängen auf ein gemeindeeigenes Schulhaus wohl zu verstehen. Die Gemeinde ließ denn auch 1830 einen Platz für ein neu zu erbauendes Schulhaus vermessen. Doch was half der gute Wille, es fehlten die Mittel zu einem solchen Bau, und Staatszuschuß kannte man damals nicht.

 Der Schulvorstandsvorsitzende, Pfarrer Göbel zu Glauberg, schrieb wegen dieser Angelegenheit, er glaube nicht, daß die Gemeinde bei ihrer Armut in der Lage sei, ein Schulhaus zu erstellen. Doch sei die Gemeinde willens, ein altes Haus, deren im Verlauf eines Jahres in Enzheim wahrscheinlich drei' versteigert würden, anzukaufen und zu einem Schulhaus einzurichten.

 Landrat Hofmann in Nidda besichtigte die drei in Frage kommenden Häuser und fand eins davon passend. 1832 kaufte die Gemeinde das des Johann Altvater (das heutige Wehr'sche Haus) gehörende Anwesen für 450 Gulden. Altvater wanderte nach Amerika aus. Die Herstellungskosten beliefen sich auf 377 Gulden. Da Koch auch noch der Wirtschaftsgebäude bedurfte, so kaufte die Gemeinde noch das in unmittelbarer Nähe stehende Wohnhäuschen des Konrad Kröll, der ebenfalls nach Amerika auswanderte, dazu und richtete es als Stallung ein.

Schullehrer Koch verfiel, wie sein Vorgänger, allmählich der Trunksucht und wurde deshalb am 13. Oktober 1840 wegen unsittlichen Betragens aus dem Schuldienste entlassen. Er sank so tief, daß, nachdem er sein Vermögen durchgebracht, die Gemeinde ihn verköstigen mußte. Schließlich wanderte er ohne Genehmigung, aber unter Zuhilfenahme gemeindlicher Mittel ebenfalls nach Amerika aus.

Wie mit der Schule, so ging es auch mit der Gemeinde unaufhaltsam ihrer Auflösung entgegen. Deshalb schrieb das Ministerium des Innern am 8. April 1854: "Wir sind geneigt, auf das Gesuch des Gemeindevorstandes einzugehen". Nach den hieraus gepflogenen Verhandlungen wurde beabsichtigt, das Schulhaus in Enzheim zu veräußern und den Erlösebenso wie den des Gemeindevermögens zu verteilen, die von dem Schullehrer zu Enzheim seither benutzten drei bis vier Morgen Land der Schulstelle Lindheim zu überweisen, wogegen die Kinder der zurückbleibenden Einwohner in die Schule zu Lindheim Aufnahme finden sollen. Das Kreisamt Büdingen berichtet daraufhin, daß der Schulvorstand zu Lindheim und der Ortsvorstand zu Enzheim damit einverstanden sind.

Das Schulhaus, berichtet das Kreisamt Büdingen, ist bereits an Georg Kröll für 375 Gulden verkauft. Dieser Erlös ist als Schulbesoldungskapital für die Schulstelle Lindheim angelegt. Die Zinsen werden mit 5 % in die Besoldungsnote mit 13 Gulden 15 Kreuzer angerechnet. Vom 1. November 1855 ab, von dem die Vereinigung der Gemeinde Enzheim mit der Gemeinde Lindheim festgesetzt ist, ist auch die Schule zu Enzheim aufgehoben.

Georg Schuhmacher (Hanjer) im Jahre 1912

Als letzte Lehrkräfte wirkte in Enzheim die Schulvikare Sturmfels aus Klein-Umstadt vom 6. Januar 1849 bis zum 31. Mai 1853 und Wilhelm Jäger aus Staden; letzterer vom 3. Juli 1853 bis zur Auflösung Enzheims, den 3. November 1855. Jäger wirkte später lange Jahre in Lich.

 1 1/4 Jahre nach seinem Weggange von Enzheim hatte Sturmfels seinen Restgehalt aus der Enzheimer Gemeindekasse nicht erhalten können. Der Bürgermeister Keller, der vom Kreisamt Büdingen mit einer Frist von 3 Tagen aufgefordert wird, die Angelegenheit zu regeln, schrieb: "Die Gemeindekasse ist eben nicht imstande, diese Forderung zu berichtigen. Sobald jedoch die Gemeindekasse dahier geordnet ist, werde ich dafür Sorge tragen, daß Rubrikat befriedigt wird." 

Am 10. Mai 1855 beschwerte sich Schulvikar Jäger, daß er vor wenigen Tagen zwar eine Abschlagzahlung aus der Gemeindekasse empfangen, aber damit sich nicht begnügen könne, da er das 3fache zu fordern habe. 

Jäger schreibt weiter: "Gr. Kreisamt verlangte Genehmigung des hiesigen Ortsvorstandes zur Auszahlung meiner Besoldung durch den Gutskäufer Friedrich Koch zu Lindheim. Ich habe versucht, dieselbe zu erlangen, allein vergebens. Ich habe ihnen den anliegenden Vertrag vorgelegt, allein vergebens. Was hat auch der Ortsverband nötig, zu genehmigen, was als reine und gerechte Forderung besteht, und was ist der Ortsvorstand zu Enzheim? Mit den Enzheimern mag ich mich nicht mehr herumschlagen in den letzten Tagen meines Hierseins. Deshalb wünschte ich bald im reinen mit ihnen zu sein." Die Forderung Jägers betrug 108 Gulden 52 Kreuzer. Jäger bemerkte dem Kreisamt gegenüber, daß, wenn er auch nun nicht zum Ziele gelange, er sich dann keinen andern Weg wüßte, als sich an Gr. Ministerium zu wenden. Das hatte er auch getan, denn Kreisrat Follenius berichtete am 25. Juli 1855 an Gr. Oberstudien-Direktion, daß Schulvikar Jäger seine fällige Besoldung nunmehr erhalten habe.